Heysel, Hillsborough, Duisburg…

Bei der Weltmeisterschaft sind wir Dritter geworden. Mal wieder. Seit gestern sind wir aber auch in der Welt-Elite der Massenpanik-Opfer angekommen. Vielen Dank von meiner Seite an die Veranstalter der Loveparade. Soweit der sarkastische Teil.

Als ein gewisser Dr. Motte 1989 mit VW-Bus, Generator, Boxen und 150 Leuten über den Ku’damm zog, hätte er sicher nicht gedacht, was er mit dieser Schnapsidee verursacht hat: 21 Jahre später werden 19 (aktueller Stand) Menschen gestorben sein.

1999 wollte ich auch mal nach Berlin fahren – um vor ihrem Sterben auch mal dagewesen zu sein. Zu dieser Zeit war die Verkommerzialisierung bereits weit fortgeschritten und Leute wie Gotthilf Fischer waren auf den Wagen vertreten.

Okay, dieser Gotthilf Fischer hat im weitesten Sinne noch etwas mit dem Urgedanken der Loveparade gemeinsam: Musik verbindet Menschen. Schon da war das Ganze zu einem Event verkommen, zu dem ganze Kegelclubs anreisten – einfach nur, um dabei sein.

Ich kam damals nicht dazu, mir das mal anzuschauen, weil ich gerade in der Ausbildung für meinen SFOR-Einsatz mit der Bundeswehr in Bosnien steckte. Ironie des Schicksals: Die hätte mir und anderen gestern wahrscheinlich das Leben gerettet.

Aber mit den Jahren verkam die Loveparade zusehends. Und auch die Mayday, die ich trotz des einprägsamen Datums (immer am 1. Mai) jedes Jahr aufs Neue verpasse – ohne, dass ich wirklich etwas verpasse.

Das waren mal Events, bei denen Leute auftraten, die im Underground kämpften und sich dadurch eine gewisse Beliebtheit verschafften. Nicht die Acts, die zu Hause eine goldene Platte nach der anderen an die Wand nageln.

Nena, Deichkind, 2raumwohnung und wie sie alle heißen: Solche Leute wurden gebucht, um finanziell erfolgreich zu sein – denn die ziehen Menschenmassen an. Aber auch nur, weil selbst der letzte Dorftrottel sie, wie den berühmten bunten Hund, kennt.

Im Jahr 2000 hatte ich mir gerade DJ-Plattenspieler gekauft und die ersten Gehversuche unternommen. Da durfte musste ich sehen, wie Paul van Dyk an der Siegessäule bei der Abschlusskundgebung sein 20-minütiges Set spielte – vorproduziert vom DAT-Band!

Alle anderen haben es versucht, trotz der wohl miesen Akustik da oben auf der Bühne, live aufzulegen. Übergänge gingen daneben aber das ist es, was zählt: Musik muss leben. Und als ich van Dyk da oben sah, wie er ein DJ-Playback spielte, war es passiert:

Ich hatte begriffen, was aus der Loveparade geworden ist: Eine Veranstaltung, die den Profit sucht: Immer neue Besucherrekorde sollten generiert werden, um immer noch mehr Sponsoren anzulocken. Die Musik ist zum nötigen Beiwerk verkommen.

Auf „Techno“-Veranstaltungen, wie Loveparade, Mayday, Sensation White, Nature One und so weiter, wird man mich nur nicht finden, weil mein Musikgeschmack ein anderer ist. Vor allem, weil dadurch die gesamte elektronische Musik kaputt gemacht wird.

Man trifft plötzlich Rocker, Hiphopper und so weiter an (sogenannte Mucke-Touristen). Die sind dort aber nicht, weil sie die Musik mögen – die wollten sich das nur mal ansehen. Dabei nehmen sie meist noch denen, die die Musik wirklich mögen, die Plätze weg.

Man braucht sich also nicht wundern, dass das gestern in Duisburg passiert ist: Da treten Leute mit hohen Charts-Platzierungen auf und die Leute strömen hin, als würden diese Acts nur noch diesen einen Auftritt machen und dann ihre Karriere beenden.

Den Totschlag* an 19 (aktueller Stand) Menschen haben also nicht nur die begangen, die die Veranstaltung in Duisburg geplant haben. Es waren vor allem jene, die die bereits tote Loveparade seit 2000 immer weiter am Leben halten mussten.

Die Aasgeier kreisten schon lange über der Loveparade und gestern fanden sie endlich etwas zu Fressen: 19 (aktueller Stand) Menschen, die wahrscheinlich wirklich wegen der Musik da waren – zermalmt von Mucke-Touristen.

* Vielleicht aber auch Körperverletzung in über 100 Fällen mit 19-facher (aktueller Stand) Todesfolge.

Ein Kommentar zu diesem Artikel

Name: toellby  |  Datum: 25. Juli 2010  |  Zeit: 13:14

Zuerst mal gilt meine Anteilnahme den Angehörigen und Freunden der gestern verstorbenen oder verletzten Menschen.
Und dann: Du hast Recht. Als ich mir 93 meinen ersten 1210 und einen Nachbau durch Ferienjobben „zusammen gespart“ hatte, hat man auf den ersten Techno Parties noch Leute gesehen die den alten Staubsauger von Mutti auf dem Rücken hatten oder im Strahlenanzug gekommen sind (dafür noch heute meinen Respekt nicht in den Teilen dehyhdriert zu sein). Das Ganze war noch jung und musste sich zum Teil noch finden.

Als es interessant wurde, in RetroShirts auf diesen Partys aufzutauchen und Leute die einen drei Jahre zuvor noch mittleidig belächelt haben dort auftauchten, Sponsoren wie Camel und ähnliche diese Gigs ausrichteten, war das Ding eigentlich tot.

Die Auswüchse der Loveparade, MayDay etc sind davon nur weitere Perversionen, die eigenartige Blüten getrieben haben…

Dieses Thema könnte man noch tausend Seiten befüllen, zB über DJ-Huren von denen man nur Bookings gekriegt hat wenn man zurück gebucht hat, von einer Szene in denen ahnungslose Leute den Arsch geleckt bekommen wollen und man sonst keine Bookings kriegt… Aber das ist hier und heute an der falschen Stelle.

Man sollte im Moment gedenken und dann aufklären…

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